GREIZ im Kalenderblatt Mai 2009

 


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Die Herstellung von Polstermöbeln

in Greiz 

 

 

 

Was eigentlich empfindet ein Mensch, wenn er den Ort, an dem er viele Jahre seine Arbeit getan hat, so vorfindet? Hat er einen neuen Arbeitsplatz gefunden, wird er es leichter ertragen können, daß es seine alte Arbeitsstätte nicht mehr gibt. Ein großer Teil der Menschen, die jedoch hier arbeiteten haben keine neue Chance mehr bekommen. Und so befällt mich Wehmut, wenn ich auf dem heute das ehemalige Betriebsgelände tangierenden Elsterradweg dahinradle und daran denke welches Produktionsgebäude wohl wo gestanden hat, Produktionsgebäude, in denen ich beschäftigt war und die mit produktiver Betriebsamkeit vieler Mitarbeiter erfüllt gewesen ist..

Die Polstermöbelfabrik in der Rosa-Luxemburg-Straße in Greiz ging aus der Firma Roth hervor, die auch als Handschuh-Roth in der Stadt Greiz Bekanntheit hatte. Im Zweiten Weltkrieg fertigte man Rucksäcke, Handschuhe und andere Artikel für die Wehrmacht in dem Fabrikgebäude der ehemaligen Weberei Hetzheim. Der Unternehmer Roth mußte Greiz wegen der Produktion von kriegswichtigen Erzeugnissen und drohender Enteignung verlassen und ging in den Westen.

Das Unternehmen firmierte nach dem Zweiten Weltkrieg noch als Alfred Roth KG und dann als VEB Fortschritt Greiz und entwickelte sich in der Nachkriegszeit schnell zu einem leistungsfähigen Hersteller von Sitz- und Polstermöbeln, die überall im zerstörten Mitteldeutschland dringend benötigt wurden. Bis Anfang der Sechzigerjahre fertigte man Polstermöbel in der konventionellen alten Herstellung, also Schnürung der Federn von Hand und Fason aus Naturfasern. Gearbeitet wurde jedoch bereits in industriellen Abläufen und im Akkord. Mancher verdiente hier sehr gutes Geld für die damaligen Verdienstmöglichkeiten.

Mitte der Sechzigerjahre setzte sich immer mehr die industrielle Fertigung mit Schaumstoffen und Federkernen durch. Als technische Neuerung fanden statt Hammer und Nagel der Druckluftnagler (Tacker) Anwendung. Die Schnürung der Federn und das Polstern mit Naturfasern wurde durch Federkerne und Schaumstoff ersetzt. Nähte, die von Hand zu nähen waren wurden immer mehr zurückgedrängt, weil Bezugshüllen auf der Nähmaschine vorgefertigt wurden. Die schwere Arbeit des Polsterns wurde durch verschiedene Vorrichtungen erleichert.

Ab diesem Zeitpunkt verfügte das Unternehmen, das nun als VEB "Interform"Greiz firmierte nach und nach über sämtliche technologische Möglichkeiten, die ein modernes Polstermöbelunternehmen zu dieser Zeit und auch heute noch benötigt:

Holzplatz, Holztrocknung, maschinelle Holzbearbeitung, Gestellbau (Tischlerei), Zuschnitt und Konfektionierung von PUR-Schaum, (diese Sparten werden heute zugeliefert) Gewebe- und Vlieszuschnitt, Näherei und Polsterei. In den Siebzigerjahren wurde eine PUR-Formverschäumung für Armlehnen in Betrieb genommen. Auch die Herstellung von Verbundschaum aus PUR-Schaumabfällen war richtungsweisend.

Zu Interform Greiz kamen nach und nach immer mehr Werke und Produktionsstätten im Umkreis von ca. 50 Kilometern. Die ca. 15 Werke und Produktionsstätten waren eigenständig, wurden aber von Greiz aus mit gesteuert, denn jede der Firmen war teilweise auch in den Produktionsablauf der anderen Werke eingebunden. Interform Greiz war Stammbetrieb der Polstermöbelherstellung im VEB Möbelkombinat Zeulenroda geworden und betreute noch weitere Unternehmen, die unter anderem im Saaletal angesiedelt waren.

Im firmeneigenen Rationalisierungsmittelbau, der Vorrichtungen für die effektive Produktion entwickelte, entstand so manche Maschine oder Vorrichtung für eine hocheffektive Fertigung. Mitte der Achzigerjahre arbeitete dann sogar ein Roboter im Werk Zwickau, der Armlehnen aus Einzelteilen für die begehrten Doppelliegesofas in großen Stückzahlen (ca. je 90 Stück Sofas in 2 Schichten) montierte.

Eine eigene Entwicklungsabteilung sorgte für die Umsetzung der Kundenwünsche und für die Neuentwicklung von Polstermöbeln im ansprechenden Design. Eine dieser Polstergarnituren, das Elementeprogramm Greiz, erhielt eine Goldmedaillie auf der Herbstmesse in Leipzig.

Die im gesamten Unternehmen gefertigten Polstermöbel wurden zu etwa 80 Prozent nach Schweden, Dänemark, Frankreich, die Schweiz, die Benelux-Staaten, Westdeutschland, Österreich und in die Sowjetunion geliefert. Der Rest stand für den Bevölkerungsbedarf zur Verfügung, das war nicht gerade viel. Greizer Polstermöbel hatten sich einen, Dank des Fleißes und des Erfindungsgeistes seiner Mitarbeiter, guten Namen europaweit gemacht. 

Die Werkleiter, Betriebsdirektoren bzw. Geschäftführer in Greiz seit 1945 waren die Herren:

Alfred Roth, Erhardt Seidel, Lothar Warthenberg, Günther Polenz, Lothar Baumann, Manfred Höllerich, Wolfgang Schaarschmidt.

Ab Mitte der Siebziger bis Mitte der Achzigerjahre reichten die vorhandenen Maschinen und Anlagen für die Fertigung der Polstermöbel nach neuen Technologien nicht mehr aus. Neue Maschinen wurden unter Aussetzung des Embargos Westeuropas gegen den Ostblock zur Lieferung von bestimmten Technologien nunmehr in die DDR geliefert. Dieser "Deal" wurde im sogenannten Möbelprojekt 1 und 2 über die Außenhandelsunternehmen des Schalck Golodkowski abgewickelt. Doch von diesen Machenschaften hatten wir "kleinen Lichter" natürlich keine Ahnung.

Noch kurz vor der politischen Wende 1989 war eine neue moderne Produktionshalle errichtet worden. Modernste Maschinen und Anlagen sowohl in der maschinellen Holzbearbeitung, der Konfektionierung von PUR-Schaum, im Gewebe- und Vlieszuschnitt als auch in der Näherei bestimmten nun das Bild der Produktionsräume und Hallen. Dennoch blieb die Postermöbelherstellung immer noch viel Handarbeit und handwerkliches Können unter industriellen Bedingungen.

1992, mit der letzten Schließungswelle der Treuhandanstalt, kam auch das Aus für das nun als V.M.U. - Vogtländische Möbelunion - interform Greiz firmierende Unternehmen. Die Menschen kämpften, alleingelassen von den zu dieser Zeit Verantwortlichen in Stadt und Landratsamt, die wohl lieber ihre eigenen Pfründe sicherten. Die Gewerkschaft zog ihre "Arbeitskampfshow" nach dem immer wieder gleichen Muster ab, doch das begriffen wir damals noch nicht. Die sogenannten Volksparteien nahmen erst gar nicht Kenntnis von den Umständen, die eine Schließung dieses Unternehmen nicht gerechtfertigt hat. Eine namhafte Mitstreiterin der SPD meinte gar man habe zu spät davon erfahren - Guten Morgen!!!

Heute werden wir das immer wieder gleiche Prozedere bei der Schließung von Unternehmen als erfahrene "Arbeitsplatzverlierer" bei den jetzt anstehenden Unternehmensschließungen im Westen und leider auch der wenigen verbliebenen im Osten Deutschlands nachverfolgen können. 

Die Belegschaft der VMU Interform ließ damals nichts an Möglichkeiten aus, ging in den Streik, protestierte in Berlin bei der Treuhand. Nichts half, die Arbeitsplätze waren verloren. Der damalige Landrat (damals CDU heute IWA mit dem Slogan "Ihr wollt Arbeit") erschien mit dem damals 2. Beigeordneter des Landrates, was immer das Ziel war. Die Troika komplett machte der damalige Bürgermeister (CDU), der seither von einem hoch dotierten Posten zum nächsten wechselt. 

Nur einen Tag nachdem die gesetzlich festgelegte Frist für die zwingende Übernahme eines Teils der Interformer abgelaufen war erschien man gemeinsam mit mit einem Reissverschlussfabrikanten. Der Reissverschlussfabrikant hatte sich bei der Besichtigung der Produktionsgebäude und -räume eine den Interformern wertvolle Fahne ergattert, die er wie eine Trophähe über dem Arm trug... Die Interformer, die dieses Szenario dieser erbeuteten Trophäe noch miterlebten kamen sich vor wie die Besiegten.

Aber was bleibt von Interform ist die Offenlegung der Machenschaften einzelner Glücksritter und zuvorderst der Treuhandpolitik, die nur deshalb so offensichtlich wurden, weil die Menschen dieses Unternehmens nicht einfach aufgegeben haben. Der Ablauf der Treuhandpolitik war immer und überall der gleiche: Erst wurde versprochen, daß das Unternehmen saniert werden kann. Dann kamen die Interessenten aus den alten Bundesländern zuhauf um zu sondieren, ob es sich um potentielle Konkurenz handelt, die aufgekauft und liquidiert werden mußte. Dann kamen die Berater, die fette Bezüge von der Treuhandanstalt bezogen. Auch "Interessenten" aus der näheren Umgebung versuchten den Reibach zu machen. Betriebsangehörige versuchten zu machen, was da noch möglich war und so konnte die Treuhand über die wahren Geschäfte hinwegtäuschen, indem man den Belzebub aus den Reihen der Interformer präsentierte, auch wenn er Kommunist war hatte er das menschenmögliche unternommen um wenigstens einen Teil der Arbeitsplätze von "Interform" zu retten. Der Belegschaft war endlich jemand präsentiert auf den man die Leute fixieren konnte. Man brauchte Ihnen nur noch Hoffnung auf die Zukunft in einer neuen Anstellung in einem Nachfolgeunternehmen oder einer Beschäftigungsgesellschaft zu machen und so hielten sie still wie die Lämmer vor der Schlachtbank und so merkten sie auch nicht mehr das der "Zug" für sie abgefahren war. Sie merkten nicht mehr, daß diese Versprechungen völlig unlogisch waren. Jeder hoffte auf eine Stelle oder wenigstens eine Beschäftigung in einer Auffanggesellschaft.

Keine Gedenktafel erinnert in Greiz an diese Arbeitskämpfe und das Versagen der Kommunal-, Landes-, und Bundespolitik. Stattdessen hat der Stadtrat von Greiz beschlossen an die Montagsdemonstrationen von 1989 in Greiz zu erinnern. Sie waren nur das Vorspiel bei dem kein Mensch ahnen konnte, wie man mit seinen eigenen Landsleuten umspringen würde. Was die Menschen in Mitteldeutschland erleiden sollten war einer Siegermentalität ohnegleichen zuzuschreiben. Vielleicht leidet das Land gerade durch die verjubelten Milliardenwerte der ehemaligen DDR-Industrie an den derzeitigen Befindlichkeiten.

Einige, die in diesem Monopoli eine nicht bekannte Rolle spielten, haben es im Gegensatz zur Belegschaft trotzdem, aus welchen Gründen auch immer, geschafft.

Der damalige Bürgermeister hatte seither immer lukrative Posten bei der Expo, die Frau Breuel leitete(...) als auch bei der BUGA. Heute ist er für die Wirtschaftsentwicklung der Region verantwortlich (wer fördert diese Leute und was sind ihre Verdienste?) Der letzte Geschäftsführer wurde bei einer Nachfolgebehörde der Treuhand geparkt. Andere haben ihre Spuren in Greiz hinterlassen.

Was immer das "Verdienst" dieser Leute war wird vielleicht einmal von Historikern offengelegt oder ganz einfach unter den Tisch gekehrt.

Im Jahr "20" nach der deutschen Einheit sollte man noch einmal daran zurückdenken. Es wäre zu wünschen, daß in diesem historischen Jahr viele Menschen mit ihrer Wahl der Kandidaten zu diesen Zuständen und vor allem zu deren Machenschaften ein klares Votum abgeben würden. Aber leider meinen so viele Menschen, daß sie durch Fernbleiben von der Wahl etwas bewirken. 

Es lohnt die als Anhang zahlreich beigefügten Presseberichte zu lesen, um die zu erkennen, die sich in diesem Jahr wieder einmal zur Wahl stellen. Es lohnt sich heute aus der Sicht des inzwischen gewonnenen Abstandes dieses Plattmachen der Wirtschaft eines Teiles des wiedergewonnenen Vaterlandes zu betrachten. Wie immer trägt die Masse die dabei entstehenden Verluste.

Als die im Oktober 1989 neu eingerichtete Produktionshalle mit modernster Holzbearbeitungstechnik bereits in den ersten Neunzigerjahren abgerissen wurde, berichtete eine Tageszeitung, daß in dieser Halle nie produziert wurde. -  Wie gut, daß wir heute Pressefreiheit genießen... Die Maschinen waren längst in alle Windrichtungen verscherbelt.

Heute ist die Stadt Greiz wohl stolz darauf, daß sie trotz immensen Leerstand von Wohnungen in der Stadt ein Wohnhaus auf dieser Industriebrache von "interform" errichtet hat.

Die Interformer, die verblieben waren kämpften noch erfolgreich für eine Abfindung bei der Treuhand nach der Schließung des Betriebes. Die Alternative einer neuen Produktionsstätte in Mohlsdorf war für eine Zeit als Beschäftigungsgesellschaft durchführbar. Der Polstermöbelshersteller aus Franken kam nie und auch eine Metallfirma und ein Reißverschlußfabrikant waren Träume unfähiger Politiker in Greiz. Und wer meint, das Fernsehen, die Landes- und Bundespolitiker hätten die Interformer unterstützt, der irrt.

 

Wir hätten...

Die Treuhand Gera hat...

Die gewagten Spiele mit der Hoffnung

Das Maß ist voll...

Von nun an heißt es Betriebsbesetzung

Betriebsbesetzung aufgehoben

Interform ein reines  Immobiliengeschäft

 

 

 

 

 

 

 

 

        Auf die künstlerisch gestalteten Katalogfotos bestehen Urheberrechte.

        Leider können deshalb hier nur technische Fotos gezeigt werden.

         

        An dieser Stelle danke ich einem ehemaligen Interformer für die Bereitstellung der Fotos aus seinem Archiv.

         

 

 Die Firma Alfred Roth zeigte 1947 spartanische aber dringend  benötigte Möbel in einem zerstörten Deutschland.

 

 Die Produktion 1958 noch in alt hergebrachter Polsterei

 

  

Die Näherei arbeitete bis in die Mitte der Siebzigerjahre mit alten aber robusten Industrienähmaschinen Dürrkopp und Textima . Dann hielten in Zuschnitt und Näherei modernste Technik Einzug.

 

  

Der VEB Interform  Greiz punktete mit Verwandlungssofas für beengte Wohnverhältnisse

 

 

 

 

 

 

 

Noch heute werden diese Vorrichtungen in der Branche angewendet.

 

 

Bei Lieferdruck halfen auch mal sowjetische Soldaten aus der Plauener Garnision, damit der Westen seine mehr als preiswerten  Möbel bekam....

  

 

Auch in DDR Betrieben herrschte strenges Alkoholverbot. Zu Betriebsversammlungen nach Feierabend durfte es mal eine Flasche vom guten  Greizer Urbräu sein.

(Feier mit DDR-Fähnchen im Blumentopf...)

  

Die Polstergarnitur Udine war lange Jahre der Renner - auch bei der Greizer Bevölkerung.

Die solide Verarbeitung bescherte  dem Möbel beinahe unbegrenzte Lebensdauer.

 

Ausgezeichnet mit der Goldmedaille der Leipziger Herbstmesse, das Elementeprogramm Greiz - oben in Lederflechtwerk, unten in Plüsch

 

 

 

Seiner Zeit voraus im Design war das Modell Torino.

 

 

 Hochwertige und solide Verarbeitung -  das Modell Silke.

 

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© Wolfgang Trommer