GREIZ   im Kalenderblatt August 2003

 

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Pontefredo

Greizer Likörfabrik

 

Kein Leben und kein Arbeiten war aus dem altehrwürdigen Gebäude der Greizer Likörfabrik mehr zu vernehmen. Niemand stellt mehr etwas in diesem Gebäude her. Die Fenster waren vermauert, die Tore geschlossen.

Der einst für die Stadt typische Kräuterlikör "Unner Gräzer" wird längst von einer Firma im Westen hergestellt und vertrieben.

Die beiden Figuren, das Markenzeichen der Firma Klosterfrau, auf diesem Foto noch zu sehen, sind 1992 bei Nacht und Nebel entwendet worden. Die Täter konnten von der Polizei nicht ermittelt werden. Ein Aufraunen ging damals durch die "Stadtprominenz", daß dieses historische Gebäude um ein wertvolles Detail beraubt worden sei...

 

 

Bauzäune verraten im Januar 2011:

Das Unvermeidliche wird geschehen. Der Abriß eines weiteren typischen Gebäudes der Greizer Altstadt wird erfolgen.

Schon der Marienhof (Gebäude vor Pontefredo) wurde seines typischen Aussehens durch Aufstocken der Dachetage und durch eine häßliche moderne Fassade völlig beraubt.

Auf diese Art und Weise geht ein Stück altes Greiz nach dem anderen dahin und es stellt sich die Frage ob Stadtbauamt und Stadtarchidekt überhaupt ihrer Aufgabe gewachsen sind.

Altstadtsanierung kann nicht nur bei den Prestige- und Vorzeigeobjekten enden. Altstadtsanierung schließt eigentlich das typische Bebauungsbild der ganzen Altstadt ein.

Das trutzige Tor mit den geschnitzten Insignien und Wappen der Firma Klosterfrau ist schon ausgebaut. Noch steht hinter dem einst als Wohngebaude genutzten typischen Haus an der Straße, daß uns als Pontefredo oder Likörfabrik vertraut ist, das Fabrikgebäude. Schnell werden die Abrißbagger ganze Arbeit geleistet haben.

 

 

Geschichtliches zur Greizer Likörfabrik

Bereits vor der industriemäßigen Produktion von Spirituosen soll ein Apotheker in diesem Spirituosen hergestellt haben. Das war früher üblich, wußten doch Apotheker am besten über die Wirkung der verschiedenen Zusätze eines Liköres bescheid. Sie kannten sich bestens aus mit den Zusätzen und in der Destillation. Bekannt ist in diesem Zusammenhang beispielsweise auch, daß der bekannte und beliebte Schneeberger Weißbitter von einem Apotheker entwickelt und hergestellt, den er dann auch in seiner Apotheke in Schneeberg ausgeschenkt hat.

Die Greizer Likörfabrik in der Marienstrasse erhält Anfang der 1940er Jahre seine besondere Gestaltung der Fassade. Der Grund dafür ist der Umzug der weltberühmten Firma Klosterfrau Melissengeist nach Greiz. Köln gehört zu den ersten Städten im Deutschen Reich, welche von alliierten Bombenangriffen arg in Mitleidenschaft gezogen worden sind. das bewegt die Firma Klosterfrau, angeregt durch eine aus Greiz stammende Mitgesellschafterin, die Produktion des Klosterfrau Melissengeistes ins relativ bombensichere Greiz zu verlegen.

Jene Mitarbeiterin der Firma Klosterfrau siedelte später nach Kanada um. So blieb dem Betrieb durch Ausländerbesitz die Verstaatlichung zu DDR-Zeiten erspart.

 

 

Das Intermezzo Klosterfrau Melissengeist in Greiz endet nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Firma Klosterfrau etabliert sich wieder in Köln.

Der als Greizer Likörfabrik firmierende Betrieb gehört zur Vereinsbrauerei Greiz, später wird er dem Berliner Kombinat Spirituosen, Wein und Sekt zugeordnet.

Der Firma Ponte Fredo, die von Alfred Steudel begründet wurde (Ponte - Alfred Steudel wohnte in der Brückenstrasse, Alfred - Fredo), fiel der Verstaatlichung in den 1970er Jahren zum Opfer. Der beliebte "Unner Gräzer" verschwand vom Markt.

Herr Steudel arbeitete bis ins hohe Alter im Unternehmen. Mancher Greizer traf ihn noch in der Grünanlage an der Friedensbrücke an, wo er gemeinsam mit anderen Leuten etwas Kurzweil fand.. Nach 1990 gründeten die Gesellschafter der Greizer Likörfabrik eine GmbH. es ging ihnen nicht anders als den vielen, die meinten noch einmal für blühende Landschaften die Ärmel hochkrempeln zu dürfen.

Den Zuschlag für die Produktion Greizer Liköre haben die Gesellschafter der GmbH nicht erhalten. Die westdeutsche Firma August Enst GmbH & Co. KG erhielt den Zuschlag für die weitere Produktion der beliebten Spirituosen, die das Aus für die Greizer Likörfabrik bedeuteten. Die Produktion wurde nach Meerane verlagert.

Im Greizer Stadtanzeiger wird man den Abriß mit dem maroden Bauzustand des Gebäudes rechtfertigen und auf eine Nutzung der Flächen für ein Wohn- und Geschäftsgebäude als auch als Freiflächen für eine Schule und einen Kindergarten verweisen.

So mancher Bürger beobachtete den Abriß des für Greiz bekannten Gebäudes mit Wehmut. Viele hatten in diesem Betrieb gelernt, und ein Arbeitsleben lang hier gearbeitet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Wolfgang Trommer