GREIZ im Kalenderblatt Mai 2012

 


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Die Carolinenstrasse, einstige Prachtmeile

der Greizer Neustadt

 

     

    Mit der raschen Industrialisierung und dem aufstrebenden Bürgertum kam es ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Bebauung der Auwiesen mit mondänen Gebäuden. Eines der ersten Gebäude war der Greizer Bahnhof um den die Villen und Bürgerhäuser wie Pilze aus dem Boden wuchsen. Es war damals schick in Bahnhofsnähe zu wohnen. Die Carolinenstraße entwickelte sich zur mondänen Flaniermeile, die in ihren Dimensionen und stilvollen Gründerzeitvillen für die kleine Reußische Residenzstadt Greiz  wohl etwas zu großzügig erschien. Doch die neue Elite von Greiz wollte schon stilvoll wohnen und zeigen, was man mit unternehmerischem Fleiß erreicht hatte.

    Sieht man sich alte Aufnahmen von Greiz an, dann kann man anhand der damaligen Bebauung erkennen, dass die Gebäude an der heutigen Friedensbrücke wesentlich bescheidener waren. Damals stand das alte Grimms Lokal noch, das dann abgebrannt ist. Das Gebäude der Deutschen Bank gegenüber Grimms Lokal gab es noch nicht. Dort befand sich ein für Greiz bis dahin übliches bescheidenes kleines Wohn- und Geschäftshaus.

    Die Carolinenstrasse lud nun mit ihrer mondänen Ausführung die Greizer und ihre Gäste zum Flanieren ein. Wuchsen anfangs entlang der Strasse Pappeln säumten später Linden  die breite Straße und im vorderen Teil der Magistrale luden Restaurants und Kaffees zum Verweilen und zum Tanzvergnügen ein. Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte die Kanalisierung der Greizer Neustadt. Die Straßengräben wurden zugeschüttet.

    Von Anfang an war die Carolinenstrasse Haupverkehrsader. An der Kreuzung Friedensbrücke kreuzten sich zwei Haupverkehrsstraßen, die heutigen Bundesstraßen B92 und B94. Der Wegweiser auf der Verkehrsinsel zeigte an, daß es bis Leipzig genau 100 Kilometer sind.

    100 Kilometer bis in die Stadt Leipzig das war damals weit! Aber das hat mich als Kind fasziniert, und ich habe mir diese Entfernung bis heute gemerkt.

    Weiter ist anzumerken, dass sich in der Nähe der Kreuzung Bahnhofstraße im 19. Jahrhundert eine Schranke befand, an der Straßenzoll durch den nach Süden die Stadt verlassenden Verkehr zu entrichten war. Die Schranke befand sich bis 1870 in der Carolinenstrasse , dann wurde sie beseitigt.

    Im 20. Jahrhundert stieg das Verkehrsaufkommen an. Rapide nahm es nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Nun wurde aus der einstigen Prachtstrasse eine Hauptschlagader des Verkehrs für den die Dimensionen dieser Straße fast nicht mehr ausreichten. Besonders in der Zeit des Berufsverkehres quälten sich die Autoschlangen durch Neu- und Altstadt. Allein in der Neustadt gab es etwa 10 Werke mit zahlreichen Beschäftigten. Hinzu kamen die Werke in Rothental, Dölau, Sachswitz und Elsterberg. Dabei hatte zu DDR-Zeiten nicht einmal jeder das Glück ein Auto zu besitzen! Also waren in Spitzenzeiten auch die Omnibusse und O-Busse rappelvoll bis auf den allerletzten Stehplatz.

    Bereits in den 1930er Jahren hatte man über eine neue Verkehrslösung nachgedacht. Zu DDR-Zeiten stand das Projekt einer Umgehungsstraße entlang der Weißen Elster in Richtung Plauen. Diese Projektierung wurde, aus welchen ominösen Gründen auch immer, verworfen. Man fand in den 1990er Jahren zur halbherzigen Neustadtumgehung auf dem  Gelände des alten Güterbahnhofs.

    Doch bis dahin wälzte sich nicht nur immer mehr Kraftfahrzeugverkehr und zahlreiche Fußgänger durch die einstige Prachtstrasse. Der Zweite Weltkrieg hatte in der Neustadt für gravierende Veränderungen gesorgt. Die Greizer Unternehmerschaft hatte sich mit dem Einrücken der Sowjetarmee in den Westteil Deutschlands abgesetzt. Die Villen waren ihrer Besitzer beraubt, sie wurden zu Mietshäusern oder zu öffentlichen Gebäuden und verkamen mehr und mehr. Zudem wurde so manche schmucke Gründerzeitfassade abgeschlagen und die Gebäude glatt verputzt. Wo wenigstens ein bauliches Detail erhalten blieb kann man erahnen wie prächtig die Fassaden der Gebäude einst waren.

    War die Straße bis nach dem Zweiten Weltkrieg nach der Reußischen Prinzessin Caroline benannt brachte die "neue Zeit" nach 1945 die Umbenennung der Strasse nach dem im KZ Buchenwald ermordeten Arbeiterführer Ernst Thälmann mit sich. Eine Tafel an einem Haus erinnert noch an den Arbeiterführer Thälmann.  Nach der pölitischen Wende hatten einige Eiferer wohl nichts besseres zu tun als die Strasse wieder nach der Reußischen Prinzessin Caroline umzubenennen. Die Wertung ob nun eine Prinzessin oder ein namhafter Politiker der KPD wichtiger ist soll sich jeder selbst beantworten.

    Mit der politischen Wende wurde nun die Greizer Neustadt auch wieder ihrer Bewohner verlustig, denn während unsere Kommunalpolitiker sich mit Straßennamen befassten starben die Arbeitsplätze und es erfolgten keine wesentlichen Neuansiedelungen von Unternehmen. Im Gegenteil man machte es willigen Investoren in Greiz besonders schwer. Es gingen nicht nur die Bewohner der Neustadt in den Westen und viele Gebäude in Greiz verfielen zusehens durch immensen Leerstand.

    Ein Verein für die Belebung der Greizer Neustadt gründete sich und es hat sich schon einiges getan. So belebt das Neustadtfest alljährlich den Stadtteil. Jedes Jahr wird die Ausszeichnung "Neustadtperle" vergeben, der herausragende Sanierungen von Gebäuden der Neustadt honoriert. Außerdem ist die Carolinenstraße Etappenstart und -ziel der alljährlich stattfindenden Thüringenrundfahrt, wodurch der Sadtteil ebenfalls eine Aufwertung findet.

    Villen und Bürgerhäuserder Neustadt werden saniert, die neue Stadthalle, die Vogtlandhalle setzt ein architektonisches Highligt in die alte Prachtstraße und harmoniert dank moderner Glasfassade mit den altehrwürdigen Gebäuden aus der Gründerzeit. In der Vogtlandhalle finden neben Konzerten und Theaterveranstaltungen auch spezielle Ausstellungen statt. Ein Restaurant lädt zum Verweilen ein. "Heyers Haus" soll als Generationenhaus Verwendung finden. Bis der Umbau vollendet ist, ist das Haus mit der Abbildung seiner Fassade verhüllt.

    Das Greizer Gymnasium zog von der Greizer Altstadt in die Lessingschule der Greizer Neustadt um. Das Gebäude wurde saniert und modernisiert. Es erhielt den Namen "Ulf-Merbold-Gymnasium". Der Name erinnert an den ersten Deutschen Forschungsastronauten, der gebürtiger Greizer ist.

    Die Carolinenstraße erhielt neue Bürgersteige, Parkbuchten und eine neue Baumbepflanzung. Doch noch ist viel zu tun. In den Nebenstrassen warten noch viele Bauten auf Sanierung, so stehen auch das Post- und das Bahnhofsgebäude  leer

    Leider ringen sich öffentliche Einrichtungen wie das Landratsamt nicht dazu durch leerstehende Gebäude zu sanieren und zu nutzen. Stattdessen verabschiedet man im Kreistag Millionensummen für einen Umbau des Landratsamtes. man gönnt sich ja sonst nichts.

     

     

     

     

     

     

     

    Vogtlandhalle

    Abriß des Theaters der Stadt Greiz

    Bahnhof und Post

    Chauseehaus Aubachtal

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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© Wolfgang Trommer