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 PIRIN
HÜTTEN
IM PIRIN

 
 

Reisebeschreibung
Eine Reise in die Bergwelt des Piringebirges
im Jahre 1975
 

Mit Interesse verfolge ich die Internet-Veröffentlichungen junger Leute, die das schöne Piringebirge heute unter anderen Voraussetzungen für sich entdecken. 
Wir machten diese Tour im Jahr 1975, und noch heute denken wir gerne zurück.

Die Möglichkeiten diese Tour zu organisieren waren etwas schwieriger, doch gerade deshalb war es auch eine ganz besonders schöne Bergtour.

Wie alles begann

"Jugendtourist" war das Reiseunternehmen der DDR für Jugendliche. 
Man konnte mit Jugendtourist Reisen unternehmen, die etwas spartanischer, dafür preisgünstiger waren. 
Nachteil, man war, wie ich es empfand etwas mehr am "Gängelband".

Im August 1973 reiste ich mit einer Jugendtouristgruppe in das 
Bulgarische Borovez am Fuße des Rila-Gebirges. 
Es sollte ein verregneter Urlaub werden. 
Dennoch unternahmen wir schöne Bergtouren.
Wir bestiegen den höchsten Berg Bulgariens, den Mussala (2925 m).
Nur eine mehrtägige Bergtour zum weltberühmten Rila-Kloster genehmigte uns der ängstliche Reiseleiter von Jugendtourist nicht. Zu gefährlich, meinte er ...
So machten wir etwas enttäuscht nur eine Busreise dorthin.

Einer der Reiseteilnehmer erzählte von einer Bergtour in einem weiter südlichen Gebirge, dem Piringebirge. Dieses Gebirge kann man nur auf  Eigeninitiative besuchen. Also auch keine Vorschriften eines ängstlichen Reiseleiters.
 Das Reisebüro bot keine Reisen in dieses Gebirge an. Es war  nur Kennern bekannt.

Der Gedanke, diese Bergtour zu unternehmen solltemich nicht mehr loslassen. 
Das spärlich erhältliche Karten- und Informationsmaterial wurde mühsam 
zusammengetragen und studiert. Informationen eingeholt. 
Es sollten noch 2 Jahre ins Land ziehen, bevor wir so weit waren.

Inzwischen bot auch unter Berücksichtigung der inzwischen großen Beliebtheit des Gebirges das Reisebüro in der DDR eine organisierte Rucksacktour durch das Piringebirge an.
Doch wir wollten es allein schaffen.

Die Vorbereitungen waren damals mühsamer

...jedoch die "Würze" am dem ganzen Unternehmen, die Schwierigkeiten bei den Vorbereitungen bleiben unvergeßlich!

Erst einmal mußte eine für das Hochgebirge taugliche Ausrüstung her.
Die wildledernen Einheitsbergstiefel waren schon erprobt und in anderen Hochgebirgen Osteuropas und im Elbsandsteingebirge gut eingelaufen.
Nur die Beschaffung des Traggestellrucksackes kostete viel Mühe.
Die waren nämlich gefragt und deshalb sehr "selten".
Aber einer stand dann doch in einem Sportgeschäft herum. 
So war diese Hürde genommen.

Leider waren diese Rucksäcke nicht so komfortabel wie es Rucksäcke heute sind. Das Traggestell drückte erbärmlich, und so rechten Halt hatte der Rucksack auf dem Rücken auch nicht.

Die Biwaksäcke nähten wir uns selbst. Ich arbeitete damals in einer Polstermöbelfirma, und so standen Nähtechnik und Vliesmaterial zur Verfügung. Innen wurden die Schlafsäcke mit TREVIERA, außen mit Schirmseide versehen. 
Eine Vorlage für die Biwaksäcke fand ich  in einer Ausstellung, in der man die Ausrüstung einer  Pamirexpeditionzeigte. Den  kopierten wir einfach.

Dann gingen wir daran auszuprobieren, was alles in den Rucksack rein mußte. Das wurde dann ausgewogen und immer wieder minimiert. Es half am Ende alles nichts, der Rucksack würde verdammt schwer werden. 
Weit unter die 30 Kilogramm kamen wir trotz aller Bemühungen nicht.

Die Reiseorganisation wickelten wir über das Reisebüro "Pirin" in Sofia ab. Ich war stolz, daß ich mit den Generaldirektor dieses Reisebüros korrespondierte...
Egal, das Reisebüro versorgte uns vorzüglich mit Informationen und buchte für uns Hotelzimmer. 
Nur die Berghütten waren nicht im Voraus zu buchen.

Große Probleme bereiteten die Flugtickets. Wir hatten viel Lauferei, bis auch endlich diese Hürde genommen war.
Dann war alles beisammen. Wir hatten die Flugtickets, die Hotelzimmer waren gebucht und die Polizei hatte das Touristenvisa erteilt.
Das spärliche Taschengeld, daß uns Vater Staat damals umtauschte und zubilligte war vorhanden.
 

Die Reise konnte beginnen

Fast noch "mitten in der Nacht" klingelt um 4.30 Uhr der Wecker im Flughafenhotel in Berlin-Schönefeld.
Nach einem ausgiebigen Frühstück bringt uns der Zubringerbus zum Flughafen.

Warten auf die Abfertigung, dann Erleichterung, daß für die mehr als 30 kg Gepäck keine zusätzlichen Gebühren erhoben werden. Auch Paß- und Zollformalitäten verlaufen reibungslos. (Das hieß damals auch, daß man ein paar Mark illegal durch den Zoll gebracht hatte und froher Hoffnung war, daß man im Gastland eine Möglichkeit finden würde die staatlich festgelegte Reisekasse etwas aufzubessern.)

So können wir unseren Flug in aller Ruhe genießen. 
Mich interessiert allerdings auf diesem Flug die gut von oben zu beobachtende Wetterlage. 
Gutes Wetter könnten wir wahrlich in Gebirge gebrauchen, und so bin ich beruhigt, wenn unter uns keine Wolken zu sehen sind.

In Sofia angekommen erwarten wir (aus bekannten Gründen) mit bangen Herzen die Zollkontrolle. Aber die ist leger. Außerdem bleibt  uns so erspart, daß wir unser mehr als reichliches "Sturmgepäck" vor dem Zoll öffnen müssen. An das Wiedereinpacken wollen wir besser erst gar nicht denken.

Der Flughafenzubringer bringt  uns zur Innenstadt von Sofia. Zunächst mussen wir zu unserem Reisebüro Pirin. Erstmals ist eine Entscheidung fällig: Taxi oder den Rucksack "ausprobieren". Wir zeigen Härte, was wir allerdings bald bedauern, denn die Straße, in der sich unserer Reisebüro befindet ist sehr, sehr lang, wie das hauptstädtische Straßen "manchmal" so an sich haben...
Ein älterer Herr mit guten Deutschkenntnissen bringt uns auf unsere Frage gleich höchstpersönlich zum Reisebüro. Wenn er nur nicht so schnell laufen würde, denn Koffer und Rucksack werden immer schwerer, und die Hitze treibt den Schweiß aus allen Poren.
Völlig fertig und schweißgebadet verabschieden wir uns dankbar von dem netten Herrn, dann erledigen wir unsere Formalitäten im Reisebüro.

Wir nehmen uns dann besser ein Taxi und fahren zu unserem Hotel...

Jetzt beginnen erstmals die Probleme. Trotz Voucher ist kein Zimmer frei, dann gibt es doch ein Zimmer, zu dem ist der Schlüssel nicht auffindbar. Uns hat nun der Balkan eingeholt, und wir müssen uns anpassen. Also, Ruhe bewahren. Hier müssen sicherlich erst einmal die krummen Touren geklärt werden.
Wir gehen erst einmal Mittagessen.

Nach zweistündiger Eierei  findet sich ein "Ersatzschlüssel", das Zimmer ist O.K.

Ein Stadtbummel durch Sofia läßt uns den Frust bald vergessen. Die Stadt ist schön und sehenswert. Sie hat viel zu bieten an Sehenswürdigkeiten.
Doch schwere Gewitter machen unseren Stadtbummel bald zunichte. 
Starke Regengüsse zwingen uns dazu den Abend im Hotel zu verbringen.
Wir nutzen die Zeit um den Inhalt unseres Rucksackes noch einmal zu prüfen und sind erschrocken was wir da alles durch die Gegend schleppen wollen.
Es hilft nichts, was jetzt noch in unseren Rucksäcken ist wird gebraucht.

Na dann viel Spaß beim Tragen! Und hoffentlich regnet es sich nicht ein, denn Gorotex und ähnliche Materialien waren noch nicht erfunden und durchnäßte Kleidung wären auf der Gebirgstour eine Qual gewesen.

Ein Sonntag in Sofia

...beginnt wie andern Ortes auch mit einem guten Frühstück.

Dann aber sollte man einen Gottesdienst in der Alexander Newsky Kathedrale nicht versäumen. Der Schein der Opferkerzen, die Gesänge der Gläubigen und des Chores, die einmalige Akustik dieses sakralen Bauwerkes, der Weihrauchduft, die Schönheit dieses Gotteshauses und die prächtigen Gewänder der Priester geben einen feierlichen Einblick in eine auf uns fremd wirkende Religion.

Wieder geht um die Mittagszeit ein schweres Gewitter über Sofia und dem Vitosha-Gebirge nieder.
So bleibt uns Zeit für ein ausgiebiges Schläfchen und einem gemütlichen Nachmittag bei einem Drink im Voyer des Hotels.
Der späte Abend gehört letzten Vorbereitungen: 
Sachen die im Gebirge nicht gebraucht werden kommen in einen alten Pappkoffer, den wir morgen am Zentralbahnhof von Sofia deponieren werden.
Der Rucksack ist gepackt und schwer genug, da gibt es keine Frage.
 

Abreise aus Sofia - die "Expedition" Pirin beginnt

Unsere Koffer haben  wir im neu erbauten 
Sofioter Bahnhof deponiert.
Unsere Gebirgstour beginnt nun endgültig, und zwar damit, daß wir unseren so um die 25 Kilogramm wiegenden Rucksack zum Sofioter Busbahnhof tragen.

(Oder schleifte uns das "Sturmgepäck durch Sofia? - Ich weiß es nicht mehr ...)

Einer bleibt beim Gepäck, einer reiht sich Geduld übend in die Warteschlange um Tickets für den Bus nach Bansko, der Stadt am nördlichen Fuße des Piringebirges, unserem nächsten Ziel, ein.
Für einen Bus um die Mittagszeit können wir keine Karten mehr erhalten. Wir müssen uns auf den frühen Nachmittag gedulden.

Aber lieber Wandersmann von heute: 
Der Balkan wird Dich noch immer Geduld lehren und  Dich zur inneren Ruhe zwingen. Du wirst auch den Verlust an Zeit plötzlich aktzeptieren können und noch nicht begreifen, woher nun plötzlich diese gemächliche Ruhe und Gelassenheit über Dich gekommen ist. Diese Ruhe, die Dich gleichzeitig mit den um Dich versammelten Reisenden befallen hat. 
Nicht jetzt und zu diesem Zeitpukt und in diesem Stadium in dem Du beginnst die Mentalität und  Lebensweise des Balkans kennen zu lernen, wirst Du begreifen. Nein, erst viel später wirst Du in unserer hektischen Welt Dir die Frage stellen, warum auf diesem Busbahnhof in Sofia einst alles so nebensächlich geworden war. 

Wir nutzen also die Zeit für unser leibliches Wohl und genehmigen uns einen Imbiß.
Anschließend harren wir der Dinge in einem schattigen Park in der Nähe des Busbahnhofes und beobachten das Treiben der des Wartens gewöhnten Bulgaren.
 

Eine Fahrt auf Umwegen
Nach Bansko

Wir gehen dann doch von der Unruhe geplagt zum Busbahnhof zurück. 
Wir kommen nicht so recht klar mit unserer Situation.
Es tut sich nämlich nichts, und die Abfahrtszeit des Busses nach Bansko ist schon überschritten! 
Was ist los, fragen wir uns eine halbe Stunde über die Abfahrtszeit unseres Busses: Nun kann sich doch eigentlich der Fahrer  nicht mehr wegen eines Schwätzchens verspätet haben. Ein Lautsprecher plärrt für uns völlig unverständliche Informationen über den Busplatz. Auch eine "Umfrage" unter den Reisenden auf dem Busbahnhof bringt keine weiteren Erkenntnisse. Keiner weiß etwas oder kann es uns plausibel machen und der Lautsprecher plärrt immer weiter für uns unverständliche Mitteilungen.

Eine Gruppe Tschechen mit gleichem Ziel ist ebenso ratlos wie wir auch, ein schwacher Trost.
Doch nun haben wir wenigstens gemeinsam das gleiche Problem.
Im Terminal glaube ich zu hören, daß kein Bus mehr fahren wird. 
Habe ich mich verhört? Was ist hier bloß los!
Die Tschechen bringen Klarheit in das Durcheinander:
Durch die gestrigen Unwetter wurde eine Brücke zerstört. Wann der nächste Bus nach Bansko fahren wird ist ungewiß.
Wir sind ratlos, und wissen nicht weiter. Mit dem Taxi kommen wir 30 Kilometer aus Sofia heraus, und diese Variante kommt unter Berücksichtigung unserer schmalen Reisekasse nicht in Anbetracht.

Was nun?

Die Tschechen haben offensichtlich die Lösung, von der wir noch nicht die geringste Ahnung haben, wohin uns das alles noch führt.
Egal, es ist Flexibilität erforderlich. Die Tschechen kennen zwei nette Bulgarinnen, die begleiten uns, bezahlen sogar die Straßenbahn und ich weiß nicht, wohin ich nun meinen Hintern einschließlich des Rucksackes bewegen soll. 
Es geht wieder zum Sofioter Zentralbahnhof. Dort hecheln wir mit unseren Sturmgepäck zu einem Bahnsteig und sitzen im  Zug  nach Septemvri, der wenig später abfährt.

Ein Winken bleibt den lieben Mädels als ein kleines Dankeschön. Bald sind wir ins Studium der Karten vertieft, die uns sagen, daß Septemvri eine Stadt vor Plovdiv ist, und daß von dort eine Bahnstrecke zum Piringebirge führt.
Der Zug ist stark frequentiert. Wir erleben Bulgarien live. 
Ich habe das Glück einen Sitzplatz zu haben. So kann ich die Fahrt genießen. Vor allem kann ich mich von der Hetzerei (oder besser "Hitzerei"?) durch Sofia erholen. 

Am Abend erreichen wir Septemvri. Wieder schlechte Nachricht:
Erst in der Nacht um 3.00 Uhr werden wir mit dem Zug weiterfahren können.
Wir stärken uns mit schmackhaften Kapap und einer Flasche Bier. 
Für die Nacht holen wir uns eine zweite Flasche Bier und suchen uns in den Grünanlagen vor dem Bahnhof ein Nachtlager: 
"Parkhotel Septemvri"
Wozu sonst haben wir unsere Schlafsäcke.
Allerdings sind unsere Biwaksäcke für diese Situation viel zu warm, und an Schlaf ist ohnehin nicht so richtig zu denken. Laufen Passanten über die Kieswege schreckt man  hoch, auch an das Leben eines Clobetrotters muß man gewöhnt sein.

Noch mitten in der Nacht klingelt dann der Wecker. 
Wir packen unsere Sachen im Schein der Taschenlampe.
Doch wo nur fährt dieser Zug ab! 
Hier klärt sich noch vieles durch die Hilfsbereitschaft der Menschen:
Die Rangierer teilen nochmals einen langen Güterzug, und schon gelangen wir über die zahlreichen Gleise zu unserer Kleinbahn nach Bansko
. Viel mehr Zeit wäre uns nicht geblieben, der Zug fährt unmittelbar los, als wir im Waggon Platz genommen haben.
Wir fahren mit der Müdigkeit kämpfend durch die Rhodopen. Diese Bahnstrecke ist für Bahnfans vielleicht interessant, denn diese Bahn  überwindet auf zahlreichen Kehren, die oft in den Tunnel gebaut sind, das Gebirge.
Wir sehen Dörfer in denen Minarette aufragen. Bäuerinnen in Tracht, das Gesicht verschleiert, steigen zu.
Eine Familie lädt mich zum Frühstück ein, teilt eben das Frühstück für den Gast noch einmal mehr. Ich gebe den Kinder kleine Geschenke. Der Vater ist Numismatiker und hat Interesse an meinen DDR-Münzen. Ich bin zwar kein Numismatiker und habe dennoch Interesse an Lewa, so komme ich zu einer zusätzlichen Aufbesserung meiner staatlich knapp gehaltenen Reisekasse.
Da klappt die Verständigung bestens, wir kommen ins Geschäft. Mark gegen Lewa.

Die Müdigkeit schwindet, als die Berge des Pirin vor uns auftauchen. Ich bin begeistert von diesem einmaligen Hochgebirgspanorama, daß sich aus der Ebene vor uns erhebt. Sogar Schneefelder sind zu sehen, und ich freue mich auf unsere Bergwanderung, nur mein Mitstreiter wird recht kleinlaut. Ihm geht schon beim bloßen Anblick der Berge die Puste aus. Zugegeben, auch  ich harre mit Bedenken der Dinge, die da auf uns zukommen.

Eine Station vor Bansko, unserem heutigen Reiseziel, verabschiedet sich die nette bulgarische Familie.

Bansko, das nördliche "Tor"
zum Piringebirge

In Bansko sind wir nicht die einzigen mit schweren Rucksäcken.
Eine Vielzahl Bergwanderer verläßt den Zug. 
Die Bulgaren sind begeisterte Bergwanderer und wann immer möglich suchen sie die Hochgebirge ihrer Heimat auf.

Wir suchen das Touristenheim, in dem unsere Übernachtung vom Reisebüro reserviert wurde.
Dort angekommen fragt uns der Herbergsvater natürlich gleich, warum wir um einen Tag verspätet ankommen. Leider können wir nur "mit Händen und Füßen" von unserer Odyssee durch halb Bulgarien erzählen.

Trotz Müdigkeit wollen wir die verlorene Zeit wieder aufholen und schauen uns die Stadt an. Bansko ist eine wunderschöne alte Stadt. Die Häuser sind erbaut aus den rund geschliffenen Flußsteinen der reißenden Gebirgsbäche. Mit den Steinen harmoniert das in die Balkone verbaute Holz der Gebirgswälder. Ebenso ist die Kirche ein wehrhaftes Bauwerk aus Naturstein, und -  Idylle pur -  auf dem Kirchturm nistet ein Storchenpärchen.
Wehrhaft mußten die Häuser sein in der unruhigen Zeit der Türkischen Besatzung. Sogar unterirdische Gänge und die Nottür zum Haus des Nachbarn sollen als Fluchtmöglichkeit gedient haben.

Männer kommen auf Eseln auf den kopfsteingepflasterten Gassen dahergeritten, Schafherden werden vorbeigetrieben und Frauen sitzen im Schatten der Häuser. 
Sie drehen auf der Handspindel die Schafwolle zu Garn wie in alten Zeiten. 
Material  für neue Strickwaren 
Wir können uns nicht satt sehen an  für  so viel altem Brauchtum.

Dann kommt aber doch langsam auch der Hunger. Wir finden einen kleinen Imbiß, in dem wir uns mit gefülltem Fladenbrot und Milch, sättigen.
Zu Mittag essen wir mit schönem Blick auf die Berge des Pirin im besten Hotel.
Mit Sorge schauen wir auf die dunkel über den Bergen aufziehenden Wolken. Hoffentlich haben wir im Gebirge gutes Wetter.
Es ist an der Zeit sich mit ausreichend Reiseproviant einzudecken, denn wir haben keinerlei Kenntnis, ob im Gebirge Proviant erhältlich ist.

Am Nachmittag und Abend bummeln wir weiter durch die Straßen von Bansko, und können uns nicht satt sehen an den vielen Schönheiten und den Menschen dieser liebenswerten kleinen Stadt.
Am Abend noch "letzte Grüße" an die daheim gebliebenen, bevor wir für eine Woche unerreichbar im Gebirge sind. 
So wird es viel zu spät, wollen wir doch morgen ganz früh losgehen.
 

Zur Banderitza-Hütte

Auf geht`s.  4.00 Uhr klingelt der Wecker. Wir brauen uns schlaftrunken einen Kaffee und frühstücken.

Schon eine halbe Stunde später machen wir uns mit unseren schweren Rucksäcken durch die noch dunklen Straßen von Bansko auf den Weg. 
Die ersten Leute gehen schon zur Arbeit. Man grüßt sich hier in den Bergen und man wünscht uns Glück für unsere Berhtour.
Den Eingang zum Nationalpark Pirin kennzeichnet ein Holztor. Wir legen wir eine erste Rast ein., denn unsere Traggestellrucksäcke drücken trotz einem aufblasbaren Luftkissen als Polsterer bereits erbärmlich. Doch da müssen wir durch. Noch sind eben die Rucksäcke nicht so komfortabel wie sie einmal sein werden. 

Zwei deutsche Touristen empfahlen uns gestern eine Abkürzung am Fluß entlang, und so verlassen wir bald den Fahrweg. Doch schnell haben wir den Pfad verloren und wir müssen den reißenden Gebirgsbach queren, um den Weg auf der anderen Seite zu erreichen.
Beim Überqueren des Flusses verliere ich mit meinem Rucksack des Gleichgewicht, plumpse in das frische Naß, kann zwar den Rucksack mit den Papieren vor dem reißenden Wasser retten, jedoch die Sonnenbrille reißt mir das Wasser von der Nase. Wir finden sie auch nicht wieder. So hängt erst einmal die Kinnlade herunter und die Schuhe und Strümpfe zum Trocknen am Rucksack.

Auf einer Bergwiese stärken wir uns. Leute zeigen uns den weiteren Weg, der jetzt steil hinauf geht. Langsam wird es heiß, und der weitere Weg ist schweißtreibend. Wir sind froh, als wir endlich die Banderitza-Hütte erreichen.

Wir melden uns beim Hüttenwirt an und bekommen unsere Betten zugewiesen.
Neben der Hütte gibt es eine kleine Gaststätte, in der wir sogar zu Mittag essen können.
An einem schattigen Plätzchen auf einer Bergwiese und ruhen wir uns von den ersten Strapazen aus.

Eine kleine Tour wollen wir am späten Nachmittag dann doch noch unternehmen, und so gehen wir zur Vichren-Hütte hinauf. Die Hütte ist in Sichtweite zur Demjanitza-Hütte, und dahinter erhebt sich des Massiv des Banderitza Zirkus, einer Berggruppe, die das Tal abschließt.
Wir laufen nicht auf dem Fahrweg zur Hütte sondern benutzen den Wanderweg, der über kleine Almwiesen und durch Krummholz führt. Wir lassen uns Zeit und erreichen die Hütte nach einer Dreiviertelstunde.

Die Vichren-Hütte ist die geräumigste Hütte des Piringebirges und liegt am Fuße des Vichren (2914m), dem höchsten Berg des Piringebirges.
Ein Stück oberhalb der Hütte befindet sich der Bergsee Esero Okoto. Bis dorthin gehen wir. So können wir auch gleich den Weg zu unserem nächsten Hüttenziel und den Weg hinauf zum Gipfel des Vichren erkunden. 
Bei einer Rast am See genießen wir die herrliche Ruhe und den Blick auf die Berge.

Der Abend klingt aus bei einem guten Abendessen und einer Flasche Bier.
Und es hilft alles nichts, vor der Nachtruhe wird sich am Brunnen mit eiskaltem Quellwasser gewaschen. Das ist stark gewöhnungsbedürftig., aber es soll auch abhärten.
Um nicht gar zu großen Schaden zu nehmen machen wir besser nur eine Katzenwäsche.
 

Die Besteigung des Vichren

Auf ein Frühstück im Restaurant wollen wir nicht verzichten, und so erwarten wir die Öffnungszeit um 7.00 Uhr  mit freudiger Erwartung. Doch wir sind auf den Balkan! Also Gamach, Gemach es wird  leider dann doch etwas später.
So ist es  8.00Uhr und schon sehr warm, bevor wir in Richtung Vichren-Hütte aufbrechen. Zanka, der Hüttenhund begleitet uns ein Stück des Weges, dann kehrt er um. Wohl zu warm für unseren kleinen Freund...

Von der Vichren-Hütte führt der Weg steil bergan. Es ist bereits sehr heiß, und es läßt sich schwer steigen. Die Höhe macht sich bemerkbar, wir sind noch schlecht akklimatisiert, und so legen wir eine Verschnaufpause ein. Nach einer Stunde Aufstieg liegt die Vichren-Hütte schon tief unter uns. 
Dann erreichen wir erste kleine Schneefelder. 

Auf einer Almwiese wird es flacher, bevor wir die steile Felsflanke hinauf zum Gipfel in Angriff nehmen. Das helle Gestein des Vichren hebt sich grandios vom azurblauen Himmel über dem Gipfel ab.
Mehr und mehr macht sich auch die Höhe bemerkbar. Na, denken wir, wenn wir den Sattel erreicht haben, wird es zum Gipfel nicht mehr weit sein.
Hier oben bläst der Wind frisch , und wir holen die Anoraks aus dem Rucksack. Dafür ist es wenigstens nicht mehr so unerträglich heiß beim Aufsteigen.
Eine Schafherde stiebt auseinander, wir hoffen nicht einen so fürchterlichen Eindruck zu machen, daß selbst Schafe Reißaus nehmen.
Den Sattel erreichen wir nach zweieinhalb Stunden Aufstieg. Ein herrlicher Rundblick über das Gredaro-Massiv und den Muratov Vrah und hinab zum Vlahini Esero lassen uns alle Anstrengung vergessen. 

Wer einmal die kleinen Bergseen der bulgarischen Gebirge mit ihrem je nach Licht und Wetter unterschiedlichen Farbenspiel gesehen hat, der erinnert sich gerne an ihre einzigartige Schönheit  zurück.
Hier oben kann man auch den ganzen Banderizki-Zirkus überblicken und wir sehen, daß unser Weg zur Hütte Demjanitza über den Paß Totorina-Porta nicht gerade leicht werden wird.

Der Blick zum Gipfel holt uns in die Realitäten zurück. Wir haben noch ein ganzes Stück zu steigen bis hinauf zum Gipfel. Wanderer unter dem Gipfel heben sich noch immer erst als kleine schwarze Punkte vom hellen Gestein ab. 
Und wer einmal selbst hinauf zum Gipfel des Vichren steigt, der wird merken, daß es der Berg schon in sich hat. 
Als Wanderer, die vom Gipfel herunter kommen, uns sagen, daß wir noch eine Dreiviertelstunde bis zum Gipfel brauchen, wollen wir das kaum glauben. 
Der Gipfel scheint uns zum Greifen nahe. Aber es ist so, eine Weile haben wir noch zu steigen, bevor wir um die Mittagszeit den Gipfel erreichen. 
Mit dem Glück einen Gipfel erklommen zu haben werden wir für die Strapazen des Aufstiegs entlohnt. 
Wir  haben hier oben in 
2914 m Höhe einen grandiosen Rundblick über die Ebene zum Rila-Gebirge im Norden bis hinunter nach Griechenland im Süden, wo der Kenner bei dieser guten Sicht sogar den Olymp ausmachen kann. 
Besonders interessiert uns aber der  Blick hinüber zum Kontscheto und zum Kutelo, wohin wir morgen eine Tour machen wollen. Auch unserer weiterer Weg durch das Gebirge liegt wie eine ausgebreitete Reliefkarte vor uns.

Das man nicht immer eine so grandiose Sicht auf dem Gipfel des Vichren erlebt, sondern eher das Gegenteil, erleben wir kurze Zeit später:

Plötzlich steigen wie aus dem Nichts Wolkenfetzen auf, die mit großer Gewalt in die Höhe geschleudert werden und sich zu großen Wolken ausbilden.
Bald ist der Gipfel im dichten Nebel versunken. Es wird kalt, und aus einer längeren Gipfelrast wird leider nichts. Wir entschließen uns abzusteigen.
Nach 2 Stunden erreichen wir die Vichren-Hütte und eine halbe Stunde später haben wir die Banderitza- Hütte erreicht.
Neben der Hütte ist ein kleiner Kiosk, und wenn da die Türe offen steht ist das ein gutes Zeichen: Wir können uns gleich ein "Gipfelbier" genehmigen.
Nach einem guten Abendessen und einer eiskalten Wäsche schläft es sich gut.

Auf dem Weg zum "Pferdchen"

5.30 Uhr klingelt der Wecker. Wir warten nicht mehr auf die Öffnung des Restaurants, sondern wir begnügen uns mit Zwieback, von dem auch der Hüttenhund Zanka seinen Teil abbekommt.
Zum "Dank" begleitet uns das Tier eine Weile. Beim Finden des richtigen Weges hätte der Hund auch nichts genutzt, denn der stromert lieber kreuz und quer um die Fährten des Wildes aufzunehmen. Wir erkundigten uns am Abend vorher bei anderen Touristen nach dem Weg, denn der  beginnt etwas versteckt unmittelbar bei der Hütte und führt sehr steil bergan.

An der großen Höhle Hana machen wir eine erste Rast.
Dann der Weg über Geröllfelder und Schneereste am Fuße der steilen  Nordwand des Vichren. Am Fuße der Wand liegt noch eine Menge Schnee des letzten Winters. Steinmänner markieren den Weg.

Das Wetter ist sehr schlecht geworden. Es regnet und Nebel kommt auf. So entschließen wir uns schweren Herzens unsere geplante Tour zum Kutelo und Kontscheto zu verzichten. Schade, ich wäre so gerne über den schmalen Grad des "Pferdchens" balanciert oder wenigstes bei weniger Mut "geritten" (Auf dem Hintern hinüber gerutscht.).
Es regnet bald so stark, daß wir unsere Regenumhänge herausholen müssen. 
Im Nebel sind wir uns nicht mehr sicher, ob wir den richtigen Weg haben. 
Irgendwo muß hier eine Schutzhütte sein. 
Wir sehen Sie bald über uns an einem steilen Hang. 
Auf der Malenky Kasana (Kleine Alm) schlägt uns kalter Wind entgegen, der uns den Regen ins Gesicht peitscht.

Zum Vichren hinauf wollen wir auch nicht  steigen, und so mogeln wir uns über die Flanke des Vichren hinüber zu dem Weg, den wir gestern hinaufgegangen sind.
Mit dieser Variante haben wir nicht gerade einen sicheren Weg gewählt. 
Der Hang ist rutschig und fällt stellenweise steil ab.
Als es zu regnen aufhört, haben wir wieder einen schönen Ausblick: Unter uns der Vlahini Esero, dessen Wasserspiegel gestern bei schönem Wetter azurblau war, hat heute eine türkisfarbene Wasseroberfläche. Die Berge präsentieren sich mit einem Umhang aus Wolken. Jeder Tag im Gebirge hat eben seine eigenen Reize.

Als wir die Alm vor dem letzten Gipfelanstieg zum Vichren erreichen bauen sich die nächsten dunklen Wolken auf, und es beginnt wieder fürchterlich zu regnen.
Da können wir uns auch nicht mehr an der vielfältigen Pracht der Bergblumen erfreuen: 
Vom oben der Regen und unter dem Regencape aus Plastik der Schweiß...

Weit oberhalb der Vichrenhütte reißen die Wolken auf. Ein grandioses Bild, wie die Wolken über der Hütte, die tief unten im Tal liegt, hinweg ziehen. 
Etwas bange schauen wir heute hinüber zum Banderiza Cirkus.
Dort oben befindet sich der Paß, den wir morgen, wieder mit vollem Gepäck, überqueren werden.
Was wird uns erwarten und wie wird das Wetter werden?

Am Abend gibt es, wie kann es auch anders sein, ein schweres Gewitter.
Wir schreiben unser Reisetagebuch und packen unseren Rucksack.
In der Küche kochen wir uns Tee, den wir in Thermosflaschen füllen. 
Das Wetter ist darüber wieder besser geworden und wir sind guter Hoffnung morgen einen schönen Tag zu haben.
 
 

Von der Banderiza-Hütte zur
Demjanitza-Hütte und über den Paß
Totorina Porta (2580m)

Um 3.30 Uhr ist es noch kalt und entsprechend kurz die Morgenwäsche im Freien. Heute werden wir wieder unser großes Gepäck zu tragen haben. Nach einem kleinen Frühstück machen wir uns im Schein der Taschenlampe auf den Weg.
Der Hüttenhund begleitet uns ein letztes Mal. 
Dann bleibt er zurück - Abschied von uns oder vom Zwieback ...

Nach fast einer Stunde erreichen wir über die Vichren-Hütte den See Esero Okoto. Noch geht es angenehm leicht bergauf.
Schon tief unter uns in einem Trogtal der See Muratovo Esero. 
Jetzt führt der Weg steiler bergauf. 
Obwohl wir im Schatten aufsteigen, und es eigentlich recht kühl ist, schwitzen wir ganz schön. Wir gönnen uns öfter eine kurze Rast und genießen dabei das Bergpanorama im ersten Morgenlicht. Über eine Alm laufen wir an den Seen Ribno Esero und Bulgato Esero entlang.

Kurz nach 8.00 Uhr erreichen wir den Paß. Wir sind gut vorangekommen. Sicherlich spielt es eine Rolle, daß wir jetzt besser akklimatisiert sind.
Rast am Paß, mit 2580 m der höchste Punkt unserer heutigen Tour.
Wir genießen den herrlichen Blick hier oben über die Massive des Banderiski Cukar und des Vasilashki Cukar mit dem Gipfel des Vasela (2620m). Nur nach Norden hin ist leider der Blick zum Vichren durch den Totorin Vrach (2746 m) versperrt.
Am Südhang des Totorin Vrach erreichen wir den Totorini Esera, zwei schöne, in tiefen Karen eingebettete und von Schneefeldern umgebene Bergseen. 
Jetzt führt der Weg talwärts, und unser Rucksack wird langsam lästig.
Durch das eiserne Traggestell schaukelt der Rucksack hin und her, und das ständige Ausbalancieren wird zur Qual. Wir laufen auf das hoch aufragend Massiv des Gasejski Cirkus entgegen. Ein wunderbares Panorama.

Wir erreichen  die Vasilashko-Seen und genießen wieder einmal den herrlichen Anblick der einzigartigen Seen im Piringebirge, während wir abwärts steigen.
Der Weg wird zur Ewigkeit. Der Rucksack wird zur Qual. Wenn doch endlich die Berghütte erreicht wäre. 
Wir erreichen die Baumgrenze und und haben kaum noch eine Sinn für den altehrwürdigen Bergwald, den wir durchwandern, denn  in der Mittagszeit wird es hier im Tal unerträglich heiß.
Doch dann sticht uns der Rauch eines Holzfeuers in die Nase. Bald sehen wir auch schon das Dach der Banderitza-Hütte. Unser heutiges Ziel ist endlich erreicht.
Erst mal die Rucksäcke von den Schultern! Was für eine Erlösung!

Wir melden uns beim Hüttenwirt an, der uns unsere Schlafstatt zuweist. Wir tragen unsere Rucksäcke über schmale Treppen herauf, denn unser Nachtlager ist direkt unter dem Dach. Das Matratzenlager ist für je 5 Personen und mit einer Zeltleinewand abgeteilt. Recht spartanisch und eng, aber wenn wir Glück haben, kommen nicht mehr Leute.
In der Demjanitza-Hütte ist es nicht so komfortabel wie auf der Banderitza-Hütte. Auch hier gibt es ein Restaurant, doch das ist für Gäste der Gewerkschaft reserviert.
Bleibt uns leider nur die spartanische Touristenküche in einem kleinen Gebäude, um uns selbst ein Süppchen zu kochen.

Weit her ist es mit der Ausstattung der Küche nicht. Der Hausrat ist ständig belegt, aber wir ergattern noch zwei ganz manierliche Blechteller, in denen wir uns eine Fertigsuppe bereiten.

Am Abend klingt unser anstrengender Tag mit Romantik am Lagerfeuer bei bulgarischen Gesängen und Tänzen aus. Folklore des Balkans bei denen die Tänzer auch durch die Glut des Lagerfeuers laufen. Unvergeßliche Eindrücke.

Tour zum Gasejski Cirkus

Nach einem Ruhetag, der ohnehin verregnet war und an dem wir uns nur mit Spaziergängen in der Nähe der Hütte begnügt hatten 
soll es heute noch ein Gipfel sein.

Wieder gibt es viele Wege, die bekanntlich alle nach Rom führen sollen, doch welcher führt zum Gasej? Wir erwischen prompt den falschen und verlieren jede Menge Zeit, ja wir verfallen in Hektik doch noch den rechten Weg zu finden.
Wir steigen durch dichtes Gestrüpp den vielleicht richtigen Weg steil bergan. Durch den gestrigen Regen ist alles schlammig. Auf einer kleinen Bergwiese haben wir einen wunderbaren Blick auf die Berge der anderen Talseite. Wir sind unterhalb der Strazite, deren wilde Felszacken bizarre Schatten in den Morgendunst werfen.
Weiter hinauf queren wir dann Schneefelder, an deren Rändern Krokusse durch den Schnee sprießen. faszinierende unberührte Natur auf  Schritt und Tritt.
Wir laufen nun über Geröllfelder, zwischen den Steinen lassen sich die Steinmänner nur schwer ausmachen, bis nur noch ein einsamer Steinmann mitten in einem großen Schneefeld zu sehen ist. So gehen wir etwas bange über das Schneefeld in der Hoffnung es hält, denn darunter hören wir das Wasser gurgeln.
Wo nur ist der Weg!

Wir entscheiden uns durch die vor uns liegende steile Wand aufzusteigen. Dies sollte sich als ein großer Fehler erweisen. Wir haben uns auf eine gefährliche Sache eingelassen. Nicht auszudenken, wenn hier jemand abstürzt. Zu allem Übel versperrt hoch oben in einer Felsrinne noch ein großer Stein den Weg. Nach unten zurück gehen ist nicht zweckmäßig, denn der Weg bis hier herauf war nicht gerade trittsicher. So sind wir froh, daß wir ohne Rucksack gerade so unter dem Stein durchkriechen können.

Als wir dann den Gazej-Gipfel (2761m) erreichen sind wir zunächst einmal froh, daß es einen ungefährlichen Abstieg geben wird. Dann genießen wir den herrlichen Ausblick, der sich uns bietet:
Vor uns im ValjovicaTal die Demjaniza-Hütte und weit im Nordwesten der Vichren und Kutelo; vor uns auch der Weg vom Paß über die Vasilasko-Seen herunter zur Hütte und auch unsere morgige Etappe zur Pirin-Hütte ist bis zum Paß Mozgoviska Porta (2530m) gut zu verfolgen.
Auch heute wird wieder unsere weitere Tour vereitelt. 
Dunkle Regenwolken bauen sich um die Mittagszeit auf, und so verzichten wir auf den Gipfel des Polezan.
Bequem steigen wir ab. Von unten sah halt leider dieser leichte Weg, der der richtige gewesen wäre gefährlicher aus als der, den wir gegangen sind  und so begaben wir uns völlig unnötig in Gefahr. So kann eine Bergtour schnell böse enden. Aber wir können unsere durchstiegene "Wand" jetzt stolz noch fotografieren und sind froh heil davon gekommen zu sein. 
Abstieg über Geröllfelder und Rast auf einer Bergwiese, bevor wir zur Hütte entgegenstreben.
 

Heute sind wir an der Reihe Feuer in der Touristenküche zu machen, denn leider hat es vor uns noch keiner getan. Mit einer Spitzhacke, etwas anderes findet sich leider nicht, machen wir uns mühsam etwas Feuerholz.
Die Ausrüstung der Touristenküchen ist halt sehr spartanisch.
Doch bald dampft ein Süppchen auf dem alten eisernen Herd.

Eine deutsche Wandergruppe ist inzwischen von der Pirin-Hütte her angekommen. Wir holen uns von ihnen natürlich die aktuellen Informationen zu Wetter und Verlauf unserer morgigen Etappe.
Wir erfahren, daß in der Gegend der Pirin-Hütte zur Zeit eine einzige Wetterküche mit schweren Gewittern ist. Außerdem sei der Weg von der Pirin-Hütte hinunter nach Melnik sehr weit, und diese Gruppe hatte das Glück von einem Holztransporter mit hinauf zur Hütte genommen worden zu sein.
Also, daß es ständig im Juli hier Gewitter gibt, konnten wir zur Genüge feststellen, aber nun steht uns doch noch eine strapaziöse Wanderstrecke bevor!

Am Abend kommt mit einem Maultier Lieferung aus Bansko auf die Hütte. Uns entgeht nicht, daß auch gutes Radeberger Bier angekommen ist. Nur eine Flasche wird uns zu einem stattlichen Preis verkauft. Wir teilen brüderlich. Dann bezahlen  wir beim Hüttenwirt, packen unseren Rucksack, und legen uns zeitig schlafen.

Zur Hütte Pirin

Der Wecker klingelt. 4.30 Uhr  wir kriechen mit Widerwillen aus dem Schlafsack. Die Morgenwäsche unter kaltem Quellwasser macht putzmunter. 
Die Sachen werden im Rucksack verstaut.

Nach einem kleinen Frühstück machen wir uns auf den Weg talaufwärts entlang des Flusses Valjowica.
Das Tal erscheint uns endlos lang. Die Last des Rucksackes treibt uns den Schweiß aus allen Poren. Das Laufen macht keinen Spaß. Sind wir einfach schon fertig von den Strapazen der letzten Tage oder macht uns einfach das Klima oder die Wetterlage zu schaffen? Wir wissen es nicht, und wir kämpfen uns, den inneren Schweinehund überwindend, einem Ziel entgegen, von den wir wissen, daß es existiert, von dem wir aber nicht wissen, welche Strapazen es uns abverlangen wird. 
Gegen 8.00 Uhr erreichen wir den Fuß des Passes und machen an den Seen Prevalski Esera eine kurze Rast. Dann mühen wir uns den steilen Weg,  hinauf zum Paß Mozgoviska Porta (2530m). 
Das Bergpanorama belohnt uns für die Mühen des Aufstiegs, der steile Aufstieg wird uns unvergessen bleiben.

Der Weg führt weiter über eine Hochfläche, geformt von gigantischen Kräften des Glazialen Eises,. Vor uns immer der Kamenitza, einer der schönsten Berge des Pirin. Auf einer Anhöhe kommt der Bergsee Tevnoto Eesero in Sicht und dahinter sehen wir die Schutzhütte am Tevnoto Esero.
Wir machen Mittagspause, während wir den Anblick des Kamenitza-Gipfel (2822 m), dessen Flanken und Schneefelder sich im Wasser des Sees widerspiegeln, so richtig genießen. Jetzt müssen wir uns  entscheiden, ob wir noch auf den Kamenitza gehen wollen. Dann müssen wir hier auf der Schutzhütte bleiben. Oder  wir nehmen einen weiteren Paß in Angriff und gehen zur Pirin-Hütte.

Doch unser Proviant und auch unsere Kräfte neigen sich dem Ende entgegen. Der "innere Schweinehund" siegt über den aufstieg zum schönen Gipfelses Kamenitza. Wir entscheiden uns wieder in die Zivilisation zurückkehren. Bestimmt werden wir ja auch noch einmal zurückkommen und das bald.
(Wir sind es nicht, denn  das Leben hält auch noch andere Verpflichtungen bereit.)

Noch einmal ein Blick auf das Bergpanorama, dann brechen wir von unserem Lagerplatz am See auf. Über die Hochfläche weht ein kalter Wind. An unserem windgeschütztem Plätzchen haben wir das gar nicht mehr gemerkt.

Der Weg führt steil zum Paß Kralev Dvor hinauf. Wieder einmal verlieren wir die Wegemarkierung, aber oben am Paß steht eine Höhenmarkierung, die wir auf unserem Weg über Steine, Geröll und Schneefelder anvisieren. Doch es findet sich auch wieder ein Steinmann und damit auch der rechte der Pfad und wir haben wieder Gewißheit auf dem richtigen Weg zu sein. Wir erreichen gegen 12.00 Uhr den Paß.

Noch einmal schauen wir hinab zum See und genießen die herrliche Bergwelt bis hinüber zum Vichren. Noch wissen wir nicht, daß dies der letzte Blick über das Gebirge sein wird, für lange Zeit, vielleicht für immer - wer weiß das schon.

Der weitere Weg führt nun steil hinab ins Tal des FlussesTreta Reka.
Das Tal herauf baut sich eine riesige Wolkenbank auf.
Ein wunderbares Schauspiel. Aber werden wir vielleicht gar ein Gewitter bekommen?
Der Weg zieht sich endlos das etwas eintönige Tal dahin. Wir fragen einen Schäfer nach dem weiteren Weg:  Noch zwei Stunden werden wir wohl brauchen.
Wir machen eine Pause, denn es ist unerträglich heiß. Das Tal ist stark überweidet so daß es erbärmlich nach Schafdung riecht. Oft müssen wir auf unserem weiteren Weg den Gebirgsbach queren und häufig laufen wir durch schlammiges Gelände, so daß die Schuhe völlig durchnäßt sind. Dann kommt die Baumgrenze und wir machen ein rotes Dach aus. Doch es ist nicht wie erhofft die Pirin-Hütte sondern, wie kann es anders sein - ein Schafstall.
Weiter führt der Weg durch mannshohe Disteln und Gestrüpp. 
Hier ist die Hitze noch unerträglicher, und erst als uns die schattige Kühle des Waldes aufnimmt steigt unsere Stimmung wieder. 
Nun weist endlich auch ein Wegweiser auf die Hütte hin. 
Das mobilisiert noch einmal unsere Kräfte. Aber unsere Kondition ist am Ende.
Erschöpft und am Ende der Kräfte erreichen wir nach 12 Stunden Marsch endlich die Hütte Pirin. Wie auch immer - geschafft!!

Eine rasante Schußfahrt in den Süden

Wir beziehen unser Quartier, machen uns frisch, und belagern auf der Stelle das Restaurant um mit einem "kühlen Blonden" die Lebensgeister zu wecken. Dabei halten wir, entsprechend unserer Informationen, natürlich Ausschau nach der Möglichkeit per LKW nach Melnik zu kommen. Doch die anwesenden Forstarbeiter werden uns wohl nicht helfen können.

Da kommt ein Lastwagen gefahren mit einer Herde Schafe.

Müde schleichen wir uns zu dem Lastwagen, schmeißen eine Runde Zigaretten, und dann ist nach langem Palaver der Männer unsere Mitfahrt geklärt. 
Schnell holen wir unser "Sturmgepäck", aber da hatten wir doch glatt vergessen, daß wir auf dem Balkan sind. 
Es war keine Eile geboten, die Männer haben sich noch viel zu erzählen.

Doch mit einem Mal kommt dann  doch Eile auf. Schnell hoch auf die vom Schafmist rutschige Ladefläche und die Rucksäcke an der Bordwand festgemacht. 
Ein schmales Brett hinter dem Fahrerhaus dient uns als Sitzgelegenheit.
Und dann beginnt eine holpernde und schlingernde Schußfahrt über eine bucklige und kurvenreiche Forststraße hinab in den Süden.
Die Fahrt erscheint uns endlos lang. 
Da hätten wir aber am nächsten Tag einen Marsch vor uns gehabt!
Vor uns tauchen, die der Gegend um Melnik den einzigartigen Charakter gebenden, bizarren Sandsteinfelsen auf. 
Tabakfelder säumen die Straße. 
Nach der klaren Gebirgsluft nehmen wir nun den würzigen Duft des Südens wahr.

Der erste Ort den wir erreichen ist Karlanowo. 
Windschiefe Häuschen prägen das Ortsbild. 
Tabak trocknet zu langen Ketten aufgefädelt unter Dächern. 
Schweine wühlen freilaufend am Straßenrand im Schlamm. 
Braungebrannte Bauern, schwerbeladene Esel führend, gehen die Dorfstraße entlang. Das Dorfleben ist einfach.
Schöne neue Eindrücke nach den Strapazen der vergangenen Tage im Hochgebirge.

Bald erreichen wir Melnik mit seinem einmaligem Ortsbild. 
Der Lastwagen hält. 
Gerädert und durchgeschüttelt lassen wir uns vom LKW helfen.
Wir bedanken uns. Geld nehmen die Männer nicht. 
Winkend schauen wir dem Wagen nach, der in einer Staubwolke davonfährt.

Im Hotel mustert uns die Dame an der Rezeption abfällig von oben bis unten. 
Ihr Blick bleibt an den  mit Schafmist beschmutzten Bergstiefeln hängen.
Nicht nur das Deo hat versagt, wir stinken nach Schafsmist, aber wir sind glücklich hier zu sein.

Auch wenn wir früher als gebucht eintreffen bekommen wir ein Zimmer.
Nur die Formalitäten bereiten wie immer Schwierigkeiten durch die Umsetzung unserer Personalien von lateinischer in kyrillische Schrift.
Mein Mitstreiter erhält als Familiennamen meinen Geburtsort. 
Macht nichts, so sind wir halt "inkognito" hier.

Nach einer Dusche sind wir wie neu geboren und im Restaurant erwarten uns die herrlichsten Gaumenfreuden:
Gut gegrilltes Hammelsteak und der wunderbare Rotwein aus Melnik lassen uns wieder zu neuem Elan kommen.
Es wird spät an diesem Abend. Schon schwelgen wir in den Erinnerungen unserer Bergfahrt. Die Strapazen sind mit jedem Schluck Rotwein mehr vergessen.

Kurz vor Mitternacht gehen wir noch einmal durch den Ort. Noch immer ist es sehr warm, doch der Nachtwind fächelt etwas Kühle zu. Zirkaden singen ihr Lied in den riesigen Platanen am ausgetrockneten Flußbett. Nach den strapaziösen Tagen im Gebirge ist für uns die südliche Atmosphäre wie ein Traum.
Wir können es nicht erwarten die Stadt und ihre malerische Umgebung zu erkunden.
 
 

Die Tage in Melnik

Am Morgen wartet auf uns ein Frühstück im Garten des Hotels unter schattigen Platanen, Granatapfel- und Walnußbäumen. Scharfe Salami und kräftiger Schafskäse weckt die Gemüter auch wenn wir eigentlich ein anderes Frühstück gewohnt sind.

Strahlend blauer Himmel über der Stadt. Weiß leuchten die Mauern der Häuser, die sich mit ihren roten Dächern an die grünen Hänge am Fuße der bizarren, schroff aufragenden Sandsteinfelsen schmiegen.
Hier und da kann man in den ehemaligen Weinbergen noch die Reste des Einganges zu einem der einst zahlreichen Weinkeller der Stadt ausmachen.

Die Tage verbringen wir mit Erkundungen der Stadt. Das Stadtmuseum ist in einem reichen Patrizierhaus untergebracht. Hier erhalten wir einen Überblick über die einst von Griechen bewohnten Stadt.
Vor allem aber ist das Museum dem Matzetonischen Befreiungskampf zu Anfang des 20. Jahrhunderts gewidmet.
Hier von Melnik aus leitete den Aufstand der Führer Jane Sandanski, der noch heute große Verehrung beim bulgarischen Volk erfährt.
Noch begreifen wir nicht die Vergangenheit und ahnen nicht die Zukunft. Ach du armes, gebeuteltes Europa!

Melnik war einst eine reiche Stadt, wohl als noch die Griechen ihre Geschicke lenkten. Davon zeugen Venezianisches Porzellan, französische Mode, Teppiche aus Buchara in Mittelasien und alte Goldstücke in einer Ausstellung des Museums.
Und das Haus selbst, in dem das Museum untergebracht ist,  zeugt vom Reichtum und dem weltmännischen, Kulturen übergreifenden Geschmack seiner einstigen Besitzer. Die Stadt lag einst am Kreuzweg alter Handelsstraßen aus dem Nahen Osten und dem alten Serdica , dem späteren Sofia.

Der Niedergang der Stadt kam mit dem Balkankrieg Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein Großteil der Gebäude wurde durch Feuer zerstört. 
Die griechische Bevölkerung verließ die Stadt. 
Erst nach 1945 begann der Bulgarische Staat diese Kleinod urbaner Kultur zu retten.
Die einstige Schönheit und Größe der Stadt, sie soll einmal mehr als siebzig Kirchen gehabt haben, wird Melnik nicht mehr erreichen, wohl aber wird sie ein Kleinod der städtebaulichen Kunst inmitten dieser einzigartigen Naturkulisse aus Sandsteinfelsen und südländischer Vegetation sein.

Hinter Bretterstapeln einer Tischlerei finden wir das alte türkische Bad. 
Mit Mühe kommen wir an den niedrigen Eingang heran. 
Im Inneren ist vieles verfallen. Die Fragmente der Heizungskanäle sind noch gut zu erkennen. Steinbecken stehen herum. 
Das Bad bestand aus zwei Räumen. Der eine ist etwa 2 Meter im Quadrat, der andere mit einer noch wunderbar erhaltenen Kuppel durch deren Maueröffnungen, gekonnt geleitet, diffuses Licht den Innenraum erhellt, ist etwas größer.

Von der Ruine der trutzigen Burg aus, die auf einer strategisch günstigen Anhöhe die Stadt überragt hat man einen schönen Blick über die letzten Weinberge der Stadt auf der anderen Talseite. Die Hoch aufragenden Mauerreste der Burggebäude und die mächtigen Wehrmauern lassen die einstige Wehrhaftigkeit der Burg erahnen.

Oft bummeln wir durch die mit den rund geschliffenen Steinen des Flusses gepflasterten steilen und engen Gassen der Stadt, natürlich immer auch auf der Suche nach Fotomotiven. Und davon gibt es mehr als genug.
Aus den Steinen des Flusses sind die, die Grundstücke umfriedenden Mauern errichtet. Überall rankt sich üppiges Grün, Tabak wird auf Ständen zu langen Schnüren aufgefädelt getrocknet. Die Granatapfelbäume und die Walnußbäume tragen reiche Früchte und lassen auf eine gute Ernte hoffen.

Doch die Hitze bremst unseren Entdeckungsdrang immer wieder. 
Wir müssen Siesta in der Mittagshitze halten oder wir genehmigen uns ein üppiges Mahl in der Mechana unten in der Stadt. 
Doch nach gutem Essen benötigen wir einen Mittagsschlaf.
Wenn wir aus unserem Mittagsschlaf erwachen ist es oft trüb geworden.
Dann grollt der Donner oben vom Pirin. Oft müssen wir dann das Abendessen auf später verschieben, denn dann kommt es zu Stromsperren.

So rinnt die Zeit, und wir sind froh etwas eher als geplant dem Piringebirge den Rücken gekehrt zu haben um mehr Zeit für diesem kleinen Paradies zu haben.

Auf steilen Pfaden steigen wir oft hinauf zu einem kleinen Kloster Sveta Sona, einer winzigen Wallfahrtskirche hoch oben über der Stadt.
Das alte Kloster macht einen verlassenen Eindruck. Die Ikonenwand ist heraus genommen. Nur zwei alte Kerzenständer mit frischen Wachsresten lassen erkennen, daß von Zeit zu Zeit hier ein Gottesdienst stattfindet. 
Weihrauchduft, der sich nicht aus dem Gemäuer verliert, umfängt uns. 
Hinter der Ikonastasia ein schlichter Steinblock, der Altar. 
Auf ihm steht noch verlassen ein Becher.
Die alte Zisterne ist verfallen, und sie erfüllt ihren Zweck das Regenwasser aufzufangen längst nicht mehr.

Die Zeit scheint still zu stehen. Wir kennen nicht die Vergangenheit und wir ahnen nichts über die Zukunft. 
Nur eines sagen uns die Einheimischen: 
Wenn in Makedonien wieder Krieg sein wird, wird das ein neues Unglück über Europa bringen. das begreifen wir nicht, noch lange nicht.

Der Wind bringt den Duft des Ägäischen Meeres heran, was in uns die Sehnsucht weckt dorthin fahren zu können. 
(Aber das ist zu dieser Zeit undenkbar, denn hinter Melnik beginnt für uns das Sperrgebiet. Grenzen, unüberwindbar. Noch trennen Grenzen Ost und West. - Trennen später hier Glauben und Herkunft Menschen? Grenzen fallen und bleiben dennoch.Warum lernen wir nicht aus der Geschichte.)

Nach Süden hat man einen wunderbaren Blick über die bizarren Sandsteingebilde rund um Melnik. Der fest verpreßte Sand türmt sich zu Säulen und Kegeln auf, und die Erosion ist ständig dabei neue Formen zu schaffen.
Trotz  vor Hitze flimmernden Luft kann man die Griechischen Rhodopen erkennen. 
Im Norden grüßen uns die Berge des Pirin. Noch denken wir in Wehmut an die schönen Stunden unserer Bergtouren zurück, doch immer wenn sich wieder ein Gewitter über dem Gebirge aufbaut, sind wir froh nicht mehr in den Bergen zu sein.

Inzwischen hat sich am Abend ein internationaler Tisch im Hotel mit Deutschen und Polen gebildet. Wir diskutieren über unsere Erlebnisse hier an diesem schönen Flecken Erde und über Gott und die Welt.
Einer der Deutschen gerät versehentlich ins Sperrgebiet der Grenze, und erwartet nun zu Hause großen Ärger. Das trübt unser aller Stimmung.
Aber ansonsten lassen wir uns die Zeit hier nicht vermiesen. Nicht einmal die allabendlichen Stromsperren bei Gewitter können uns aus der Fassung bringen. Inzwischen an die Mentalität der Menschen auf dem Balkan angepaßt, harren wir geduldig darauf, daß das Licht wieder brennt und wir ein deftiges Lammsteak verzehren können.
 

Wanderung zum
Roshen-Kloster

Man muß sie erleben diese grandiose Naturkulisse der Pyramiden aus Sandstein, wenn man durch die im Sommer trockenen Flußtäler, die in der Schneeschmelze zu reißenden Gebirgsbächen werden, zum alten Kloster Roshen wandert. 
Am frühen Vormittag ist die Hitze noch erträglich. Später gegen Mittag dann lähmt sie zusehens den Tatendrang.
Der Weg führt durch ein märchenhaft schönes Labyrinth. In Jahrtausenden hat die Erosion diese Obelisken aus verfestigtem Sand geformt. 
Kaum kann man fassen, daß dieses lose scheinende Gefüge aus Sandstein nicht zusammenstürzt. Aber es hält schon seit Jahrtausenden stand. 
Und die Erosion schuf  bizarre Gebilde wie Pilze, Pyramiden und Kegel.

Vom Dörfchen Roshen ist es nicht mehr weit zum Kloster gleichen Namens.
Das Kloster Roshen liegt verträumt auf einer Bergwiese und seine  Mauern haben so manche unruhige Zeit gesehen und überstanden.
Das schwere, mit Eisen beschlagene Holztor trägt zahlreiche Spuren der Kriege. Gewehrkugeln und Stoßbalken haben sie im Holz hinterlassen.

Das Kloster ist ein unschätzbares Kulturdenkmal und war lange Zeit ein Hort des Bulgarischen Geistes und der Wiedergeburt Bulgariens.
In den Schnitzereien der Ikonostasia aus gedämpften Nuß- und Buchsbaumholz und in der Kirchenmalerei haben die Künstler die biblische Geschichte gestaltet.

(Im Kloster bestand auch die Möglichkeit in den Klosterzellen als Tourist zu übernachten. Ob es heute noch so ist, ist mir nicht bekannt.)

Unweit des Klosters befindet sich eine schmucke Kirche, die vom Volkshelden Jane Sandanski gestiftet wurde. Neben der Kirche ist sein ehemaliges Grab.

Durch den Ort Karlanovo laufen wir in der brütenden Mittagshitze zurück nach Melnik. Nun fahren  wir nicht in aller Eile mit dem LKW am Dorf vorbei. 
Wir haben die Zeit des Spaziergängers und wir nehmen die für uns fremden Impressionen dörflichen Lebens auf dem Balkan  in uns auf.

Bei diesen  Märschen  in der Mittagshitze sind  wir in der Regel allein unterwegs. Kein Bulgare würde in der Mittagszeit, wenn nicht unbedingt nötig, auf einer Besorgung sein. 
Also schicken wir uns an, ins Hotel zu kommen. Auch wir brauchen nach dem Marsch eine Siesta.

Am Abend aber kommen die Lebensgeister zurück.
Dann sitzen wir mit anderen Touristen im Garten des Hotels und genießen den guten Rotwein aus Melnik und ein deftiges Abendessen.

Die Zeit läßt sich vergessen in dieser Stadt, wenn der Nachtwind etwas Kühle bringt und die Zirkaden ihr Lied in den alten Platanen singen.
 

Abschied

Doch einmal geht die Zeit zu Ende. Unser schwerer Rucksack ruft uns in die Realität zurück, als wir in der Morgendämmerung durch die Stad  zur Bushaltestelle laufen.

Durch das Strumatal bringt uns der Omnibus Sofia entgegen.
Wir lernen bei dieser Gelegenheit das gute Nieveau des Busverkehrs in Bulgarien kennen
Im ersten Licht des Morgens grüßen noch einmal die Berge des Pirin herüber. Das Gebirge zeigt sich zum Abschied von seiner besten Seite - keine Wolke, kein Gewitter über den Bergen ...
Dunkel und klar ragen die Gipfel in den noch dämmrigen Morgenhimmel.

Auf Wiedersehen Pirin !

In Sofia beziehen wir wieder unser Hotel. 
Dann kümmern wir uns um unsere auf dem Bahnhof hinterlegten Koffer. 
Sie sind noch da, aber es dauert lange, bis sie gefunden sind. 
Durch Bauarbeiten im Bahnhofsgebäude ist das Gepäck mit einer dicken Staubschicht versehen, so daß man die Farbe der Koffer nicht mehr erkennen konnte. Da hilft nur Staub wischen und langes Suchen.

Einige Zeit bleibt uns noch für Besichtigungen der Hauptstadt. Dann bringt uns das Flugzeug wieder gut nach Hause.

ENDE DER REISEBESCHREIBUNG

                                               © Wolfgang Trommer & Hans Jaitner

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